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Wann
und wie bist Du zum orientalischen Tanz gekommen?
Mein Vater kommt aus Jordanien/Amman und ich bin durch meine
Cousine die ein begeisterter Fan von Nagua Fuad war und durch Tanzvideos
aus Ägypten mit dem Virus "Orientalischer Tanz" infiziert
worden. Als ich nach Hause kam erzählte ich meinem Vater stolz,
dass ich nun Bauchtanz erlernen wolle ohne zu ahnen was für
einen Fehler ich damit gemacht habe. Mein Vater war "not amused"
darüber! So dass es noch bis 1989 dauerte bis ich dann endlich
damit anfing. Zwischenzeitlich gastierte das Traumtheater "Salome"
bei uns in Berlin und ich sah eine Tänzerin die immer mein
Vorbild sein sollte - es war die amerikanische Tänzerin Feyrouz!
Mein "Tanzweg" begann im zarten Alter von 5 Jahren mit
Ballett aber auch dort waren die starren Ausdrucksformen nicht das
wonach ich gesucht hatte, die Erfüllung fand ich dann im Orientalischen
Tanz. 1989 bat mich ein Sportstudio einen Orientalischen Tanzkurs
zu unterrichten - ich wäre doch schließlich Orientalin!
(Au weia - darf man heute so gar nicht mehr erzählen!) Ich
kaufte mir also ein Buch für orientalischen Tanz und fand heraus,
dass alle Bewegungen die ich instinktiv beim tanzen machte einen
Namen hatten. Also unterrichtete ich eine Gruppe von sehr wohlwollenden
Frauen. Ich kaufte mir also Musik für den Unterricht in dem
damals einzigen Geschäft Berlins für Orientalische Kostüme
und Musik, bei Maxim, und hatte nicht nur Kassetten in meiner Tasche
sondern auch noch eine Adresse für einen sehr gut bezahlten
Auftritt für den nächsten Tag sowie ein geborgtes Kostüm.
Na, wenn das kein Wink mit dem Zaunpfahl war! Seit diesem Tag ist
mein Beruf Orientalische Tänzerin!
Hast Du einen Künstlernamen und wenn
ja , wie bist Du dazu gekommen?
Ich heiße seit meiner Geburt (!) NABILA, benannt nach
der Lieblingsschwester meines Vater. Ich bin ein wenig traurig,
wenn ich manchmal von anderen deutschen Frauen lesen muss, dass
sie sich meinen Namen als Künstlernamen wählen ohne sich
vorher zu informieren das es diesen auf der Szene schon gibt Ich
kann mich schließlich nicht umbenennen nur um Verwechslungen
zu vermeiden, zumal ich schon seit 14 Jahren auf der Szene mit diesem
Namen vertreten bin.
Gibt es jemanden der Dich besonders beeinflusst
hat? Oder hattest Du ein Schlüsselerlebnis, das Dich besonders
geprägt hat?
Mein Schlüsselerlebnis war wie schon oben beschrieben,
der Auftritt von Feyrouz! im Traumtheater "Salome". Ich
hatte die Karten dafür sogar in einem Radioquiz gewonnen! Ich
war damals glaube ich 15 Jahre alt und Feyrouz! war für mich
das Sinnbild von Weiblichkeit und Anmut und sie ist es noch immer
für mich!!
Was sind Deine Aktivitäten in Sachen
orientalischer Tanz?
In erster Linie bin ich professionelle Tänzerin d.h. dass
ich jedes Wochenende Auftritte in Berlin und innerhalb Deutschlands
habe, auf Veranstaltungen der In- und Ausländischen Szene z.B.
London, Genf, Zürich, Turku usw. tanze und mein Wissen im orientalischen
Tanz in Form von Workshops und Projekten unterrichte.
Zudem hatte ich 1996 ein 6 Monatigen Vertrag als Haupttänzerin
in einem arabischen Club in London und 1997 einen gleichen Vertrag
in Genf. Dort trat ich jeden Nacht (ich meine auch jede Nacht ohne
einen freien Tag) zwei mal pro Abend mit Live-Musik auf.
Darüber hinaus hat das Schicksal es gut mit mir gemeint und
mir meine Freundin und Geschäftspartnerin Sabina-Zaida über
den Weg geschickt mit der ich seit vielen Jahren befreundet bin.
Seit 2000 veranstalte ich mit ihr gemeinsam die Fachmesse BAZAR
ORIENTAL, das mittlerweile größte orientalische Event
Berlin/Brandenburg, Seit Mai 2001 geben wir außerdem alle
4 Monate das Show- und Eventmagazin BAZAR ORIENTAL heraus.
Glaubst
Du, dass der Tanz Dich in Deiner persönlichen Entwicklung beeinflusst
hat?
Ja, absolut und umgekehrt! Auch mein Tanzstil ist beeinflusst worden
durch meine persönliche Entwicklung. Dies ist eine Entwicklung
welche, glaube ich, jede ernsthafte Tänzerin durchläuft.
Bei mir spielte noch der kulturelle Hintergrund eine große
Rolle. Wie ich ja schon sagte, erzählte ich mit ca. 15 Jahren
meinem Vater ganz stolz, dass ich jetzt orientalischen Tanz erlernen
wollte. Ich dachte, dass dies ihn erfreuen würde - ist dieser
Tanz doch ein Teil seiner Kultur. Welch Irrtum, wie ich dann feststellen
musste. Jahre später, als ich schon professionell tanzte und
dies auch viel in der arabischen Gesellschaft, kam es dann zum Bruch
mit meinem Vater. Die Entscheidung hieß: entweder ich habe
einen Vater oder ich tanze. Ich entschied mich für den Tanz!
Trotzdem wollte ich der arabischen Gesellschaft beweisen, dass man
sehr wohl eine orientalische Tänzerin sein kann, ohne den in
der orientalischen Gesellschaft vorherrschenden "zweifelhaften
Ruf" einer schlechten Frau zu entsprechen. Dies drückte
sich ganz klar in meinem Tanzstil aus. Ich versuchte "Frau
Saubermann" darzustellen in dem ich jeglichen Sexapeel in meinem
Tanz ausließ. Durch meine vielen Reisen nach Kairo (seit 1989
ca. 3-4 mal im Jahr) sah ich aber auf den Bühnen wie die ägyptischen
Tänzerinnen mit diesem Thema umgingen. Ich konnte aber für
mich persönlich noch keine Verbindung zwischen meinem Tanzstil
der "Frau Saubermann" und dem Tanzstil der ägyptischen
Tänzerinnen herstellen.Bis ich durch viele Gespräche mit
meiner Kollegin Sabina-Zaida auf den Knackpunkt des Ganzem gekommen
bin: ich machte mich abhängig vom dem was andere über
mich dachten. Plötzlich fiel es mir wie die berüchtigten
"Schuppen" vor die Augen - egal wie ich tanzen würde,
ich würde in den Augen der orientalischen Gesellschaft immer
einen zweifelhaften Ruf haben, einfach weil ich öffentlich
tanzte. Ich begriff, dass ich nicht verantwortlich bin für
das was andere über mich denken.Ab diesem Zeitpunkt hat sich
mein Tanzstil verändert. Ich habe begriffen, dass orientalischer
Tanz bedeutet, dass man sich seiner Weiblichkeit bewusst ist. Das
heißt nicht das man ordinär tanzt, sondern seine Weiblichkeit
ausdrückt. Schlussendlich habe ich erkannt, dass ich mich immer
von den Entscheidungen anderer abhängig gemacht habe - also
nie die initiative übernommen habe. Ich begriff, dass ich Entscheidungen
für mich fällen kann, im beruflichen aber auch im privaten
Bereich und das ich die "Zügel" in der Hand habe.
Nun kann ich endlich frei sein beim tanzen und das ausdrücken
was ich fühle. Dies kommt besonders zum tragen, wenn ich Ballady
a´la Kairo tanze. Es gibt für mich keine tänzerisch
sinnlichere Ausrucksform als der Ballady und seit einigen Jahren
gelte ich nun, neben ein bis zwei sehr guten und lieben Kolleginnen,
als DIE Ballady Tänzerin der orientalischen Tanzszene (in mancher
Hinsicht Schade, denn ich kann ja auch andere Stilrichtungen tanzen).
Was ist Dir im Tanz wichtig, was möchtest
Du mit Deinem Tanz "rüberbringen"?
Für mich ist in erster Linie wichtig, dass ich die Zuschauer
erfreue mit meinem Tanz. Das heißt z.B., dass wenn ich für
eine private Feier gebucht bin in Sekundenschnelle beim tanzen oder
vor dem Auftritt erkenne was für ein Bedürfnis haben die
Zuschauer. Wollen die ausgefeilte Kunst und Technik sehen oder wollen
die Gäste Spaß haben und eventuell selbst tanzen. Oder
habe ich einen Auftritt auf einer großen Bühne wo die
Gäste die Tanzdarbietung einfach nur genießen wollen.
Nichts ist schlimmer als wenn eine Tänzerin an dem Bedürfnis
des Zuschauers "vorbei" tanzt. Man muss beides beherrschen.
Das heißt man muss sowohl eine gute Tänzerin sein aber
auch eine gute Entertainerin. Dabei sind alle drei Dinge: Technik,
Gefühl und Ausstrahlung sehr wichtig aber auch das Talent zur
Improvisation. Ich persönlich bin von Tänzerinnen die
nur Technik bieten sehr schnell gelangweilt, schaue aber sehr gerne
sogenannten "Anfängerrinnen" zu, die viel Gefühl
und Ausstrahlung haben. Technik kann man lernen - Ausstrahlung und
Gefühl eher weniger oder gar nicht. Man muss in erster Linie
das was man tut lieben! Nur dann springt der Funke zum Publikum
über und man ist überzeugend.
Ich persönlich, liebe es zu tanzen! Tanzen ist wie eine Wunderdroge
für mich. Dabei geht es mir nicht um den Applaus oder die Gage
danach. Sondern um die glücklichen Gesichter danach! Ich habe
unter anderem dazu beigetragen, dass eine Feier zu einem unvergesslichen
Erlebnis für die Veranstalter oder Gastgeber wurde. Von daher
finde ich die in der letzten Zeit immer häufiger auftretende
Tendenz, dass Tänzerinnen ohne Liebe für den Beruf und
nur noch für das Geld auftreten, sehr traurig.
Was
hältst Du von Authentizität und Phantasie, von Traditionen
und Weiterentwicklung im orientalischen Tanz?
Wir tanzen den orientalischen Tanz in Deutschland für überwiegend
Deutsche Zuschauer. Die meisten Tänzerinnen in Deutschland
haben nicht das Glück so wie ich, dass sie den Tanz im Orient
erlernen können und erlernen ihn daher aus zweiter, dritter
oder vierter Hand von Deutschen Lehrerinnen. Viele der orientalisch
tanzenden Frauen waren noch nie im Orient. Wo soll da die Authentizität
herkommen? Das ist auch nicht schlimm, meiner Meinung nach. Solange
man nicht in seiner Werbung das Wort "authentisch" benutzt.
Unsere Deutschen Zuschauer sind oft auch überfordert wenn man
ihnen authentische Musik und Tänze bietet die für ihre
Ohren nur noch nervtötend klingen und nach einer gewissen Zeit
"langweilig" für das Auge sind. Die Tendenz den orientalischen
Tanz "weiterzuentwickeln" finde ich persönlich sehr
gut. Gibt es doch einen Freiraum um seine Individualität auszudrücken.
Das beste Beispiel dafür ist die Fusion zwischen Ballett und
orientalischem Tanz. Eine, in manchen Kreisen, verteufelte Tendenz
aber für manch eine Tänzerin eine Stütze im Bereich
Raumaufteilung und Haltung. Viele Tänzerinnen lehnen eine Tanzausbildung
in anderen Tanzsparten ab, mit der Begründung der orientalische
Tanz wäre ja schließlich ein freier Tanz mit eigenen
Bewegungen. Leider vergessen diese Frauen oft, dass jeglicher Tanz
auf dieser Welt ein und den selben Ursprung hat und somit in seinen
Grundtendenzen gleich ist. Ich habe noch nie eine arabische Tänzerin
gesehen mit einer schlechten Haltung! Das liegt daran, dass diese
Frauen sich ihrer Weiblichkeit sehr wohl bewusst sind und zum Beispiel
nicht mit eingefallenem Brustkorb dastehen. Die europäischen
Frauen haben sich mit viel Erfolg über die Jahrzehnte der Emanzipation
das Bewusstsein ihrer Weiblichkeit aberzogen. Durch den Einfluss
des Balletts im orientalischen Tanz ist der orientalische Tanz für
die Deutschen Zuschauer und Tänzerinnen klarer definierbar
und einfacher zu sehen. Es gibt Strukturen, klare Linien und eine
gute Haltung. Auch alle Einflüsse des afrikanischen Tanzbereiches
und deren Weiterentwicklungen (Hip-Hop, Jazz usw.) in der Fusion
mit dem orientalischen Tanz sind eine Bereicherung und fördern
die Entfaltung einer Tänzerin. Ich bin aber strikt dagegen,
wenn eine Tänzerin sich nicht mit der Historie einer Tanzform
auseinander setzt und zum Beispiel ein nubisches Lied mit Bauchtanzbewegungen
im zweiteiligen Cabaret-Kostüm aufführt und das authentisch
nennt. In den meisten Fällen passiert so etwas nicht einmal
bewusst sondern aus fehlendem Interesse sich sachkundig zu machen.
Oder eine spanisch-orientalische Tanzfusion angesagt wird in der
die einzige Fusion darin besteht, dass die Tänzerin einen spanischen
Rock anhat und zu spanisch-orientalisch angehauchter Musik eigentlich
nur orientalischen tanzt.
Fazit: Fusionen, Traditionen und deren Weiterentwicklung sind meiner
Meinung nach sehr interessant und wichtig! Solange diese als solche
benannt werden und eine fundierte Kenntnis/Ausbildung von beiden
Tanzrichtungen dahinter stehen.
Was
wünscht Du Dir für den orientalischen Tanz in Deutschland?
Ich würde mir mehr Austausch und ein größeres
Bewusstsein für ein Miteinander unter den Tänzerinnen
wünschen. Diesen Wunsch unterstützen wir, Sabina-Zaida
und ich, seit 2000 mit der Fachmesse BAZAR ORIENTAL und seit 2001
mit dem gleichnamigen Show- und Eventmagazin BAZAR ORIENTAL. Wir
bieten mit der Fachmesse und dem Magazin ein neutrales Podium für
alle Tänzerinnen des orientalischen Tanzes. Hier können
sich alle Orientinteressierte austauschen, kennen lernen, ein Miteinander
entwickeln und eine Gemeinsame Identität im orientalischen
Tanz finden. Ich würde mir auch wünschen, dass der Neidfaktor
unter den Kolleginnen abnimmt und man sich über Erfolge der
anderen mitfreuen kann ohne das Gefühl zu haben wenn die eine
was bekommt dann bekommt die andere automatisch weniger. Erfolg
ist keine begrenzte Masse wie zum Beispiel ein Kuchen.
Zur Zeit denken alle in Deutschland, wenn es nur 10 Stücke
vom Kuchen gibt dann will jeder so viel wie möglich davon abhaben.
Wenn dann jemand schon drei Stücke vom Kuchen hat dann würden
ja nur noch im, besten Falle, 7 Stück für einen selbst
übrig bleiben - und dies auch nur wenn nicht noch andere am
Buffett stehen. Ich habe mal etwas sehr schönes gehört:
Wenn man als Bauer Weizen ernten will dann muss man auch Weizen
säen! Also, auch wenn man noch nicht so weit ist, dass man
Erfolg für den anderen sät, dann kann man ihn doch auf
jeden Fall den anderen Wünschen - denn nur was man sät
kann man ernten!
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